Impressionen aus der Tagung

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Heribert Fachinger, Pädagoge und Geschäftsführer des Fördervereins Projekt Osthofen e.V.

Pädagogische Überlegungen zur Gedenkstättenarbeit in der Gedenkstätte KZ Osthofen

Der Name „Gedenkstätte“ weist darauf hin, dass an diesem Ort das Gedenken an erster Stelle steht. Es gilt daher, dass kogniti­ves Ler­nen an diesem historischen Ort, dem, was man als Ge­denken an die Bedrohten, Erniedrigten, Misshandelten umschrei­ben könnte, nach­geordnet oder bestenfalls zugeordnet bleiben sollte.

Art und Weise der inhaltlichen Arbeit in der Gedenkstätte Ostho­fen leiten sich aus der Eigenart des Ortes und seiner Bedeutung wäh­rend der Anfangsjahre des Nationalsozialismus in den Jahren 1933/1934 ab.

Den Besucherinnen und Besuchern soll das Geflecht historischer und persönlicher Bedingungen, die mit der Existenz des KZ Osthofen zusammenhängen, zugänglich werden.

Erinnern, Begegnen und Lernen sind dabei die zentralen Aspekte der pädagogischen Arbeit, bei der die Gedenkstätte als ein Ort verstan­den wird, an dem Geschichte wiedererinnert oder auch imaginiert werden kann.

Für ältere Besucherinnen und Besucher, die die Zeit des Natio­nalso­zialismus unmittelbar erlebt haben, ist das ehemalige KZ ein Ort persönlichen Erinnerns, der persönlich Erlebtes hervorruft. Für diese Generation ist es daher eher sekundär, dass außer den Gebäuden keine Relikte aus der Zeit seiner Nutzung als KZ vor­handen sind.

Bei deren Besuch steht das Erzählen im Vordergrund. Erinnert wer­den hauptsächlich örtlich/regional erlebte Situationen und Personen, die eine wichtige Rolle gespielt haben, wie z.B. Famili­enangehörige oder Verwandte, die ins KZ Osthofen kamen, oder Szenen von Ver­haftungen und das Verhalten der dabei Beteilig­ten.

Erinnert wird auch - wenn auch aus heutiger Perspektive - das ei­gene Verhalten damals. Das kann möglich werden, wenn dafür ge­nügend Raum zur Verfügung steht und von den Beteiligten eine ver­trauensvolle Atmosphäre entwickelt werden kann.

Der überwiegend größere Teil der Besucherinnen und Besucher sind Jugendliche aus der schulischen und außerschulischen Bil­dung, wobei der Besuch von Schulklassen deutlich höher vertre­ten ist.

Für diese Jugendlichen, die in einem anderen gesellschaftspoliti­schen und kulturellen Umfeld heranwachsen, ist der Ort der Ge­denk­stätte „historisch“ in dem Sinn, dass er auf Ereignisse ver­weist, die fern und nicht selbst erlebt sind.

Erinnern kann für diese Jugendlichen nicht im vorgenannten Sinn gelten. Hier kann eher vom Entdecken des Vergessenen - und zwar in zwei Richtungen - gesprochen werden: aus Namen in den Akten werden „Gesichter“, Personen, die gelebt und gehandelt haben, und aus Ortsnamen (womöglich dem eigenen Herkunfts­ort) wird die „Nachbarschaft“ des Nationalsozialismus zum Thema. Die eigene Herkunft also kann unter neuen Aspekten gesehen und problemati­siert werden.

Es gilt noch einem Missverständnis zu wehren: Erinnerungsstät­ten an Orten des NS-Terrors könnten den Erlebnishorizont der seinerzeit Betroffenen auch nur ansatzweise den Betrachtern von heute sinn­lich erfahrbar machen. Jeder Versuch, Besucher die Situation von KZ-Häftlingen nachempfinden lassen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt: Was ein KZ für einen Häftling bedeutete, werden die Nachgeborenen nicht verstehen können. Deshalb sollten Gedenk­stätten jugendlichen Besuchern gegenüber gerade diese Diskrepanz nicht zu überspielen suchen, sondern ihnen die Illusion unmittelbarer Anschauung zerstören helfen.

Gedenkstätten können keine historische Realität konstituieren oder rekonstruieren, sondern nur Kommunikation über diesen Abschnitt der Geschichte ermöglichen.

Bei den jüngeren Besuchern greift die Erfahrung der „Fremdheit“ zunehmend Raum. Für sie gibt es eine deutliche Kluft zwischen dem Bild vom nationalsozialistischen Terrorapparat einerseits sowie ihrer eigenen Lebenswelt andererseits. Konzentrationsla­ger, Verfolgung und Vernichtung erscheinen irgendwie unwirklich, jedenfalls nicht wie ein Abschnitt der sich vor gar nicht so langer Zeit vollzogenen Real­geschichte.

Daher können bei Jugendlichen in der Regel von kurzzeitigen Ge­denkstättenbesuchen und Rundgängen kaum intensive Lernerfah­rungen erwartet werden. Der Besuch wird vielfach wie ein normaler Museumsbesuch empfunden. Man ist vielleicht im allgemeinen inte­ressiert und will sich informieren, aber der Ort selbst scheint nicht mehr zu einer persönlichen Stellungnahme herauszufordern.

Deshalb haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Ge­denkstätten darauf konzentriert, thematisch ausgesuchte Tages­pro­jekte oder auch Projektwochen anzubieten, die entdeckendes Lernen ermöglichen, und die dabei helfen sollen, Einsicht in grundlegende Strukturen des Nationalsozialismus zu gewähren. Das heißt, anhand der konkreten Geschichte eines Konzentrati­onslagers ließe sich z.B. viel über die Funktionsmechanismen und Herrschaftstechniken des NS-Regimes erlernen.

Damit könnte dann auch ein Instrumentarium an die Hand gege­ben werden, womit auch heutige politische und ethisch-morali­sche Fra­gestellungen besser bearbeitet werden könnten.

Lernen in diesem Sinn kommt demnach ohne ein In-Beziehung-set­zen der historischen Fakten mit aktuellen Problemlagen und mit der eigenen Person nicht aus.

Aus den vorgenannten Überlegungen wird deutlich, dass am Ort der Gedenkstätte zwei unterschiedliche Komponenten von Trä­gern der Geschichte aufeinandertreffen: Der Ort des Konzentrati­onslagers mit seinen Implikationen einerseits und die persönliche Disposition der Besucherinnen und Besucher mit ihren je eigenen durch ihre Sozialisation geprägten Wertvorstellun­gen, Beurteilun­gen und Erfahrungen andererseits. Beidem gilt es nach Möglich­keit gerecht zu werden.

Zur Vorbereitung eines Besuchs in der Gedenkstätte sollten des­sen Voraussetzungen und die damit verbundenen Fragen erörtert wer­den:

z.B.

  • welche Erfahrungen und Erlebnisse mit einem Besuch ver­bun­den werden,
  • welche Kenntnisse es über die Zeit des Nationalsozialis­mus gibt - und hier vor allem von den Anfängen,
  • welche Fragen bzw. Vorstellungen die Besucherinnen und Besu­cher haben und in welcher Weise sie diese bearbei­ten möchten,
  • welche Gefühle, Voreinstellungen und Phantasien werden mit dem Besuch verbunden.

 

Ebenso wichtig ist, dass die die Gruppe begleitende Person sich ihre eigene Motivation bewusst macht.

Nach jetzt 75 Jahren seit der Existenz der Konzentrationslager sind die Personen, die Schulklassen oder Gruppen begleiten, nur noch in wenigen Ausnahmefällen direkt von der Zeit des Natio­nalsozialismus beeinflusst. Indirekt jedoch sind sie geprägt vom Vermächtnis ihrer Eltern.

Die eigene Identität hat sich aus den erlebten Traditionen - fami­liär, örtlich und ethisch - gebildet. Nicht selten war dabei die Aus­einan­dersetzung mit den Eltern über die Zeit des Nationalsozia­lismus An­stoß für die Entwicklung eines eigenen hohen ethischen Anspruchs.

Dieser persönlichen Bedingungen sollte sich die die Gruppe be­glei­tende Person bewusst sein, um nicht Gefahr zu laufen, die eigene Geschichtsinterpretation mitsamt ihren implizierten Wert­vorstellun­gen auf die Gruppe zu übertragen.

Der konkrete Ort der Gedenkstätte in Osthofen ist zwar ein au­thenti­scher Ort; das heißt aber nicht, man könne hier gleichsam die Wirk­lichkeit des ehemaligen KZ erleben oder gar inszenieren. Ebenso soll deutlich sein, dass die Art der Darstellung des Kon­zentrationslagers in der Ausstellung bereits eine Interpretation der Ausstellungsmacher impliziert.

Aber der Ort des ehemaligen KZ kann mit seinen persönlichen Zeit­zeugen, schriftlichen und audio-visuellen Aussagen und Do­kumenten zum Studium der Anfänge des NS-Terrors, zur Spu­rensuche in den Herkunftsorten der Besucherinnen und Besucher oder zur Erhellung persönlicher Lebensgeschichten von Häftlin­gen anregen.

Da allerdings Gespräche mit ehemaligen Häftlingen aufgrund ihres hohen Alters immer seltener in die Gedenkstättenarbeit ein­bezogen werden können, werden die Pädagoginnen und Päda­gogen mit ihrer Fachkompetenz und persönlichen Glaubwürdig­keit immer wichtiger.

Ausgehend von den gegenwärtigen gesellschaftspolitisch ge­prägten Erfahrungen und Fragestellungen der einzelnen Besu­cherinnen und Besucher können aber auch aktuelle Probleme unserer Gesellschaft Anstoß sein, Ähnlichkeiten und Unähnlich­keiten in der Vergangenheit nachzuspüren.

Dieser Zugang kann oftmals besser geeignet sein, Fragen an die Geschichte zu stellen als die deduktive Methode des Lehrens.

Dabei geht es nicht um simple Gleichsetzung von heute und da­mals, sondern darum, dass erfahrbare Probleme und Ereignisse, z.B. von Terror, Gewalt, Ausgrenzung usw., dazu motivieren kön­nen, rückbli­ckend Geschichte mit ihren jeweils inhärenten Wert­vorstellungen zu untersuchen und strukturelle Vergleiche anzu­stellen.

Wenn wir davon ausgehen können, dass jede Generation ihre je eigenen Formen und Wege entwickelt, wie sie sich die Ge­schichte ihrer Vorfahren erarbeitet, dann wirkt sich das auch auf die ange­wandten Methoden aus.

Wenn Methoden lediglich als Instrumente zur Vermittlung von Über­lieferung angesehen werden, dann basieren sie auf der mechanisti­schen Illusion, Vorgegebenes könne sozusagen „über­geben“ wer­den, und man könne dann nach Bedarf darüber verfü­gen.

 

Lernen will aber anknüpfen an bereits vorhandene individuelle Strukturen und ihre Weiterentwicklung.

Lernen wird unter dieser Voraussetzung also als eine Mischung von Eigenem und Fremdem, von Altem und Neuem verstanden.

Wenn man so will, zusammengefasst in einem Goethe-Zitat: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“

Das meint ja wohl nicht, dass „Erwerben“ im Sinn des „Nürnber­ger Trichters“ verstanden wird, oder auf unsere Arbeit angewandt, dass Lerninhalte oder Wissen „an sich“ objektiv gegeben sind, sondern erst im Prozess der Arbeit durch die Akteure selbst ent­wickelt wer­den und damit eine gegenseitige Beeinflussung von Inhalt und Me­thode stattfindet.

Das bedeutet für die Lernarbeit große Offenheit. Es muss möglich sein, Tabus des Schweigens zu brechen, ohne dafür sofort ausge­grenzt oder ausgebuht zu werden. Auf der anderen Seite muss man bereit sein, die ständige Korrektur durch den Ort, die Gruppe oder andere Gegenüber auszuhalten und möglichst krea­tiv zu nutzen. Tabuverletzung wird also nicht ausgelebt zur Stei­gerung des eigenen Selbstgefühls, sondern genutzt zum Dialog, zur Bildung in ihrem besten Sinn.

Diese Weise des Lernens braucht allerdings einen Rahmen, inner­halb dessen die persönliche Sicherheit und Kompetenz des Einzel­nen unterstützt und gestärkt werden. Diese Voraussetzung ist not­wendig, wenn die Motive des eigenen Handelns kontrovers diskutiert und kritisch geprüft werden sollen.

Gegenwärtig werden die Gedenkstätten zunehmend von den Medien und Politikern verstärkt wahrgenommen und oft als Boll­werke gegen den wiederauflebenden Nazismus und oder Rechts­radikalismus stili­siert.

Solche hohen moralischen und inhaltlich an der falschen Stelle an­setzenden Ansprüchen können von Gedenkstätten nicht erfüllt wer­den.

Die Möglichkeiten der Gedenkstätten realistisch einzuschätzen be­deutet auch, dafür einzutreten, dass die jeweils virulenten gesell­schaftlichen Probleme von der gesamten Gesellschaft angenommen und Wege entwickelt werden, wie damit umgegan­gen werden soll, statt sie auf kleine und damit überforderte Ein­richtungen wie die Ge­denkstätten abzuwälzen.