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Bruno Kartheuser, belgischer Historiker und Buchautor

Die Erhängungen von Tulle - Ein ungesühntes Verbrechen

Ost-West

Dass die Kriegsführung der Wehrmacht und ihrer beigeordneten Körperschaften SS und SD mörderisch und in ihrer Essenz verbrecherisch im Osten war, bedarf heute keiner Beweisführung mehr. Zuletzt hat die Ausstellung von Hannes Heer „Vernichtungskrieg der Wehrmacht“ die Tatsache noch einmal ins Bewusstsein zurückgebracht. Erinnert sei an diese Sätze, die General Walter von Reichenau, Kommandeur der 6. Armee, im Oktober 1941 formulierte: „Der Soldat ist nicht nur ein Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbittlichen völkischen Idee (…). (Er muss daher) für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben.“ General Manstein äußerte seinerseits im November 1941: „Für die Notwendigkeit der harten Sühne am Judentum, dem geistigen Träger des bolschewistischen Terrors, muss der Soldat Verständnis aufbringen. (…) Das jüdisch-bolschewistische System muss ein für allemal ausgerottet werden.“ Jeder weiß von den vier Einsatzgruppen und ihren Unterabteilungen, den Einsatzkommandos, die das Vorrücken der Wehrmacht im Osten mit ihren massiven Mordaktionen begleiteten. Die Opferzahl dieser Mordgruppen wurde auf 1.250.000 beziffert. Vernichtung und Ausrottung im großen Stil betrieben auch die Bandenkampfverbände unter dem Befehl des Polizeiführers von dem Bach-Zelewski. All diese Fakten werden auch bedeutsam für die Kriegsführung im Westen, wenn man weiß, dass einige der Militär- und Polizeiführer, die 1944 in Frankreich für größere Mordaktionen mitverantwortlich zeichnen, aus dem Osten nach Frankreich versetzt worden sind – für die Ereignisse von Tulle sind es u.a. Heinz Lammerding (SS) und August Meier (SD), aber auch verschiedene Truppenführer in den Garnisonen und Kommandanturen.

Der Sommer 1944 bringt eine Eskalation in den französischen Besatzungsalltag. Die Landung der Alliierten am 6. Juni wird die oberste Militärführung – OBW und MBF – dazu bringen, das Experimentieren mit neuen Methoden und Formen der Abschreckung und des Terrors gegenüber der Zivilbevölkerung zuzulassen. Solche Beispiele sind die Mordaktionen von Tulle und Oradour, die sich als Ereignisse, die aus der „Norm“ herausragen, unauslöschlich in die Geschichte der Kriegsführung in Frankreich eingraviert haben. 

 

Methodisch konstruierte Ereignisse im regulären Befehlsrahmen

Die Ereignisse von Tulle und Oradour sind nicht göttliches, irrationales, unfassbares Strafgericht, sondern es handelt sich um methodische, systematische Aktionen, nach Mustern, wie sie Führern wie Lammerding und Meier im Osten geläufig waren. Den Gesamtrahmen bildeten die appellativen Befehle der obersten Wehrmachtführung, etwa dieser Befehl des OBW vom 8. Juni 1944: „WFSt (der Wehrmachtführungsstab) hat die Erwartung ausgesprochen, dass bei dem Großunternehmen gegen die Banden in Südfrankreich mit äußerster Schärfe und ohne Nachsicht vorgegangen wird. Der dauernde Unruheherd in diesem Gebiet muss endgültig ausgelöscht werden. Ausgang des Unternehmens hat größte Bedeutung für die weitere Entwicklung im Westen. Halbe Erfolge solcher Aktionen nützen nichts. Die Widerstandskräfte sind in schnellem und umfassendem Zupacken zu zerschlagen. Zur Wiederherstellung von Ruhe und Sicherheit sind schärfste Maßnahmen zu ergreifen, zur Abschreckung der Bewohner dieser dauernd verseuchten Gebiete, denen endlich die Lust vergehen muss, die Widerstandsgruppen aufzunehmen und sich von ihnen regieren zu lassen, und zum warnenden Beispiel für die gesamte Bevölkerung. Rücksichtslose Härte in diesem kritischen Augenblick ist unerlässlich, um die Gefahr im Rücken der kämpfenden Truppe zu beseitigen und größere Blutopfer der Truppe und in der Zivilbevölkerung für die Zukunft zu verhüten.“ Im übrigen unterstand jede militärische und jede polizeiliche Aktion im besetzten Gebiet der Wehrmachtführung, auch wenn sie von SS oder SD-Kommandos ausgeführt wurde.

Für seine SS-Division „Das Reich“ hatte Lammerding am 5. Juni – noch vor dem Aufbruch der Truppe in Montauban, vor der Landung der Alliierten und vor dem Angriff des FTP-Widerstandes auf die Garnison von Tulle – ein Leitschema formuliert, in dem seine für Frankreich neuen Methoden angekündigt wurden, darunter massive Geiselnahme, systematische Durchkämmung des Gebiets mit Festnahmen und Deportationen, und schließlich Hinrichtung durch Erhängen anstatt Erschießen. Das „scharfe Durchgreifen“, das auch zur Profilierung gegenüber der Wehrmacht dienen sollte, wird er beispielhaft an den Orten Tulle (9. Juni) und Oradour (10. Juni) demonstrieren. Der Sicherheitsdienst (SD) von Limoges, der sich als „Kommando“ begreift, in ungebrochener Kontinuität zur Kommandofunktion im Osten, stellt den logistischen Arm bei diesen Terroraktionen dar (Verhöre, Bezeichnung von „Verdächtigen“, Auswahl der Opfer).

 

Hergang

Am 7. Juni startet der kommunistische Widerstand in der Corrèze, die FTP (Francs-tireurs et partisans) einen Angriff auf die deutsche Garnison in Tulle. Die Kämpfe werden am 8. Juni fortgeführt und enden am Nachmittag mit der Kontrolle über den größten Teil des Stadtgebietes, ausgenommen die Waffenfabrik und das Viertel von Souilhac, wo der restliche Teil der Garnison sich verschanzt hat. 40 deutsche Soldaten sind im Kampf gefallen, 9 Angehörige des SD sind hingerichtet worden, 60 deutsche Soldaten befinden sich als Gefangene in der Hand der FTP. Am Abend trifft die Aufklärungsabteilung der Division das Reich in Tulle ein, und es beginnt eine Vergeltungsaktion. Die SS-Truppe unternimmt nichts, um die abgerückten Widerständler zu verfolgen und die Gefangenen zu befreien. Stattdessen soll ein Exempel an der Stadtbevölkerung statuiert werden, und zwar durch Erhängung von 120 Männern, allesamt Zivilpersonen. In einer Razzia werden am 9. Juni etwa 4.000 Männer auf dem Platz vor der Waffenfabrik zusammengetrieben. Bis zum Nachmittag führen SD-Männer unter Aufsicht des Ic-Offiziers, Aurel Kowatsch, den „tri“ durch, dh. die Selektion, an deren Ende schließlich 120 Männer von 18 bis 45 Jahren für die Hinrichtung bestimmt werden. Die Opfer werden ab 17 Uhr von SS-Männern an den Lampen und Balkonen der Straßen des Viertels aufgehängt. Es werden 99 Männer erhängt (die Verringerung der ursprünglichen Zahl wurde nicht begründet). Am Abend werden die Leichen zu einer Mülldeponie am Ausgang der Stadt gebracht und in zwei Massengräbern verscharrt. Am 10. Juni wird die Aussortierung weiterer Opfer mit unbekanntem Ziel fortgesetzt, und im Laufe des Tages werden 450 Männer nach Limoges verbracht. Nach weiteren Freilassungen werden deren 230 für die Deportation nach Dachau bestimmt und nach Paris gebracht. Von ihnen werden 101 Tulle nicht wiedersehen. 

Der 10. Juni ist auch der Tag der Mordaktion von Oradour, bei der die Ortschaft total vernichtet und 642 Menschen, die gesamte Bevölkerung, ermordet wird. Hier sind es Einheiten des Regiments „Der Führer“, das Stadlers Befehl untersteht. Die Division „Das Reich“ verlässt das Limousin am 12. Juni und begibt sich an die Landungsfront. In seiner Note vom 5. Juni hatte Lammerding angekündigt, bis zum 15. Juni in der Region verbleiben zu wollen, um sie zu „befrieden“.

Danach ist der Widerstand in der Region nicht etwa gelähmt, wie Lammerding dies bezweckt hatte, sondern seine Aktion verstärkt sich noch. AS (die gaullistische Armée Secrète) und FTP (der kommunistische Widerstand) operieren gemeinsam als FFI (Forces françaises de l’intérieur). Die Waffenabwürfe im Juli versetzen die Partisanen in die Lage, den Kampf offen gegen die Besatzer aufzunehmen. Die Landung der Alliierten in der Provence lässt die 1200 Deutschen in der Corrèze schließlich vor den Truppen des Widerstandes kapitulieren. Frankreich stellt die republikanische Legalität wieder her und beginnt den schwierigen Wiederaufbau, bei dem zuerst das Land, das in „Collaboration“ und Widerstand gespalten war, neu zusammengefügt werden muss.

 

Selektive Justiz und Protektion  

Die erste Etappe der gerichtlichen Aufarbeitung findet in den Nürnberger Prozessen statt. Dort sind Tulle und Oradour nicht ausdrücklicher Gegenstand eines Prozesses. In Frankreich wird die gerichtliche Aufarbeitung den Militärtribunalen zugewiesen. Die Hauptprozesse, die das Limousin betreffen, finden von 1949 bis 1953 vor Militärtribunalen in Bordeaux statt. In keinem der dort behandelten Fälle wird das Tatgeschehen global erfasst. Wenn auch die Ermittlungen sehr gründlich geführt werden, so ist die Überführung dieses Materials in konkrete Gerichtsverfahren äußerst selektiv. Die Ereignisse werden zerstückelt und parzelliert, die Zuweisung der Verantwortung ist partiell, es kommt in keinem Fall zu einer Vorführung der kollektiven Verantwortung, wie sie sich anteilhaft auf Wehrmacht, SS und SD aufteilte. In einer bilanzierenden Sicht der französischen Prozesse über Kriegsverbrechen gewinnt man den Eindruck einer großen Kulanz und Nachsicht, die der Härte und Barbarei der Vorkommnisse letztendlich nicht gerecht wird.

 

Wehrmacht, SS und SD

Die obersten Wehrmachtführer in Frankreich waren der OBW (Oberbefehlshaber West) und der MBF (Militärbefehlshaber Frankreich). Von Rundstedt wurde für untauglich für einen Prozess gehalten, und von Stülpnagel wurde noch 1944 wegen seiner Beteiligung an der Verschwörung des 20. Juli in Plötzensee erhängt. Von den militärischen Führern, die für Südfrankreich und das Limousin zuständig waren, wurde als einzigem dem General Ottenbacher der Prozess gemacht. Er wurde 1950 in Paris freigesprochen. Dies kam der unhistorischen, die Wirklichkeit verkennenden Legendenbildung entgegen, derzufolge „der Schild der Wehrmacht sauber“ geblieben sei. Es war eine nützliche und zwingend gebrauchte Legende für die deutsche Wiederbewaffnung 1955.

Von der SS-Division „Das Reich“ wurden aufgrund einer willkürlichen Auswahl vier Männer 1951 in Bordeaux angeklagt: Lammerding (nicht anwesend, sondern geschützt in Düsseldorf lebend), Kowatsch (erwiesenermaßen gefallen), Wulf, der Führer der Aufklärungsabteilung, und Hoff, der Zugführer, dem die Henker unterstanden – beide anwesend. Zusammen mit ihnen stand die Sekretärin des deutschen Direktors der Waffenfabrik auf der Liste der Angeklagten. Wesentliche Befehlshaber der Truppe aus dem Divisionsstab (besonders Stückler) und den untergeordneten Rängen fehlten. Lammerding und Kowatsch wurden zum Tode verurteilt. Bis zu seinem Tod 1971 blieb Lammerding unbehelligt. Wulf und Hoff kehrten 1952 und 1954 nach Deutschland heim. Im Verfahren kam die Einbindung der SS-Truppe in die Rahmenbefehle der Wehrmachtführung nicht zur Sprache, und ebenso wenig die Mitwirkung des SD. Albert Stückler, der Ia des Divisionsstabs, wurde nie angeklagt und betrieb Kommunal- und Parteipolitik in Freising und Oberbayern. Er starb 1996. Lammerding galt allgemein als geschützt, zunächst durch die Amerikaner (als Kronzeuge, so wird angenommen), dann durch die Bundesregierung (insbesondere die „Zentrale Rechtsschutzstelle“ im Bonner Bundesjustizministerium). Beim Oradour-Prozess in Bordeaux 1953 befanden sich weder Lammerding, noch Stückler oder Stadler unter den Angeklagten. 

Der Kommandoführer des KdS („Kommandeur der Sicherheit“) Limoges, August Meier aus Mainz, wurde als einziger seiner Dienststelle (von etwa 100 SD-Männern) und als einziger der Führungsgruppe seines KdS 1952 in Bordeaux vor Gericht gestellt. Es war das erste KdS-Verfahren und sollte Musterfunktion haben. Befremdlich am Prozess in Bordeaux gegen Meier war, dass die Komplexe von Tulle, Oradour, die Judenverfolgung und die Tätigkeit der untergeordneten Außenposten des KdS Limoges nicht zur Anklagematerie gehörten. Die Grundlage der Anklage waren 284 ausgesuchte Fälle, unter Ausklammerung der vorgenannten größeren Verbrechen. Meier wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, doch bereits 1956 wurde er heim nach Miltenberg entlassen. 1959 nahm die Staatsanwaltschaft jedoch die Ermittlungen auf wegen seiner Tätigkeit als Kommandoführer (mit einer Bilanz von 38.000 Opfern). Er beging im Mai 1960 Selbstmord im Gefängnis.

 

Ein ungesühntes Verbrechen. Ausblick

Somit ist keiner der maßgeblich an der „Maßnahme“ von Tulle beteiligten Täter wirksam bestraft worden. Die letzten deutschen Kriegsverbrecher, die in Frankreich inhaftiert waren, wurden 1962 entlassen, als Auftakt zum Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland 1963. In Deutschland wurden in den 60er Jahren noch verschiedene Ermittlungsverfahren begonnen, u.a. gegen Lammerding und Stückler. Es waren keine ernsthaften Untersuchungen, da die Ermittler die selbstschützenden Aussagen und Berichte der Täter zu Protokoll nahmen, ohne jedwede Hinterfragung, Konfrontation oder systematische Nachprüfung. All diese Ermittlungen endeten mit Einstellungsverfügungen.

Die Rekonstruktion in Form einer geschichtlichen Nachforschung war eine zwingende Notwendigkeit, weil eine zufriedenstellende Aufarbeitung nicht durch die Justiz erfolgt ist. Das Geschehen von Tulle ragt wie das von Oradour aus der Masse der Besatzungsverbrechen heraus und muss deshalb in das europäische Gedenken überführt werden. Die traditionellen „Erzfeinde“ Deutschland und Frankreich haben eine Freundschaft begründet, sie artikuliert sich in zahlreichen Partnerschaften, und es ist dies einer der heilsamsten Vorgänge im alten Westeuropa. Doch auch die Freundschaft zwischen den Ländern muss sich auf der Wahrheit gründen und darf nicht auf Verschweigen und Vergessen aufgebaut werden. Gerade die Kenntnis der verschiedenen Geschichtserfahrungen ist eine unabdingbare Vorbedingung für die Zusammenführung der Länder Europas zu neuer Einheit und Eintracht. Daher ist die national verengte, chauvinistische Geschichtsschreibung zu überwinden, zugunsten einer universalen Sprache, gegründet auf den Menschenrechten und auf dem Recht, wie es sich in einigen Jahrtausenden konsequent zur Humanität entwickelt hat, zum Schutz gegen Willkür, Terror und Mord.

Und schließlich ist das Gedenken die einzige Gerechtigkeit, die den Opfern von Tulle widerfahren kann, nachdem die menschliche Justiz diese Verbrechen nicht gesühnt hat. Das Gedenken ist auch eine Restitution der menschlichen Würde, die man den Opfern durch die Ermordung und Erniedrigung aberkennen wollte.

 

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Bruno Kartheuser, Walter, SD in Tulle / Walter, agent du SD à Tulle

Nachforschung in vier Bänden / Recherche en 4 tomes

edition KRAUTGARTEN Neundorf Belgien, 2000-2007.

I: Die Dreißiger Jahre in Eupen-Malmedy. Einblick in das Netzwerk der reichsdeutschen Subversion / Les années trente à Eupen-Malmedy. Regard sur le réseau de la subversion allemande

II: Das besetzte Frankreich 1940-1943 / La France occupée 1940-1943    

III: Die Erhängungen von Tulle. Der 9. Juni 1944 / Les pendaisons de Tulle. Le 9 juin 1944

IV: Die Erhängungen von Tulle. Ein ungesühntes Verbrechen / Les pendaisons de Tulle. Crime sans châtiment

Kontakt - Vortrag: bruno.kartheuser@skynet.be