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Steve Kayser Leiter des Centre de Documentation et de Recherche sur l’enrolement forcé

Mehr als 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: Gedenken, lehren und lernen im Großherzogtum Luxemburg

Menschen haben die Möglichkeit ihren Zusammenhalt untereinander zu fördern, in dem sie eine gemeinsame Identität anhand eines erschaffenen kollektiven Gedächtnisses definieren. Als sich die europäischen Nationen im Laufe des 19. Jahrhunderts bildeten, spielte dieser Umstand eine grundlegende Rolle. Die Auswahl der Erinnerungsmomente war allerdings zweckorientiert und subjektiv. Dabei bediente man sich von Zeit zu Zeit der Geschichtsschreibung, um eine gewisse Kontinuität und eine Legitimität der Gemeinschaft zu schaffen. Der französische Historiker Pierre Nora redet in diesem Kontext von einem Tandem „Geschichte-Gedächtnis” („histoire mémoire”).

Mit
historisch-wissenschaftlich fundierter Grundlagenforschung hat dies nicht viel zu tun. Nora erklärt diese Tatsache in einfachen Worten: „Da sie gefühlsbetont und magisch ist, eignet sich die Erinnerung nur jene Details an, welche sie stärken!”

Der Nationenbildungsprozess war für die Luxemburger erst mit der zerrissenen Erfahrung der Nazi-Besatzung abgeschlossen. Die Periode von 1940 bis 1945 kann folglich nur als ein Ganzes untersucht und hinterfragt werden.

Die Bedeutung der Thematik des Zweiten Weltkrieges: Die Erinnerungspfeiler eines kollektiven
Gedächtnisses

Das „kollektive Gedächtnis” im Bezug auf die Ereignisse von 1940-1945 ist in Luxemburg sehr ausgeprägt. Keine Epoche hat das Großherzogtum tiefer geprägt als die Besatzungszeit. Am 10. Mai 1940 fällt die Wehrmacht in das neutrale und wehrlose Großherzogtum Luxemburg ein. Seit Anfang August 1940 steht es unter Zivilverwaltung. Bis zur Befreiung durch die amerikanische Armee zwischen dem 9. und dem 13. September 1944 bleibt das Land besetzt. Mit der Ardennenoffensive im Winter 1944/45 kehrt das Nazi-Schreckgespenst zurück. Viele Dörfer im Norden Luxemburgs werden im Zuge der erbitterten Kämpfe weitgehend zerstört.
 
In Luxemburg gibt es keine staatliche Kollaboration. Großherzogin Charlotte als Staatsoberhaupt und ihre Regierung entziehen sich dem deutschen Zugriff. Mit ihrem Exil retten sie die Unabhängigkeit des Landes und platzieren das Großherzogtum in den Reihen der Alliierten. Lediglich einem Minister gelingt die Flucht nicht. Erst als Großherzogin Charlotte am 14. April 1945 aus London zurückkehrt, ist der Krieg für Luxemburg vorbei.
 
Die Periode ist schwierig in einem Gesamtbild zu deuten. Das Archivmaterial ist nach wie vor nicht an einer Stelle zentralisiert und deshalb schwer überschaubar. Das Verhalten der Bevölkerung dem Besatzer gegenüber lässt sich nicht ohne weiteres schubladenähnlich in Widerständler („Resistenzler”; etwa 3 % der Gesamtbevölkerung von 290.000 Einwohnern) oder Kollaborateure („Gielemännecher”; etwa 3 %) einteilen. Das Thema gilt bis heute als sehr heikel. Die Wunden sind noch nicht verheilt und sitzen tief. Die menschliche Bilanz ist erschreckend. Zum ersten Mal lassen Luxemburger ihr Leben für die Heimat. Etwa 2 % der Luxemburger Gesamtbevölkerung kommt im Laufe des Krieges ums Leben.
 
Der „Spengelskrich” (übersetzt: „Stecknadelkrieg”) im Sommer 1940, die seitens der Besatzungsmacht
fehlgeschlagene Personenstandsaufnahme vom 10. Oktober 1941 und die sich am 31. August 1942 ausdehnende Protestwelle gegen die Zwangsrekrutierung junger Luxemburginnen und Luxemburger in die deutschen Armeen, der so genannte Generalstreik, zeugen von der ablehnenden Grundhaltung großer Teile der Luxemburger Bevölkerung gegenüber dem Nazi-Besatzer. Dieser Tatsache muss auch Gauleiter Simon ins Auge sehen. Deshalb halten die nach dem Kriege geschaffenen Abgrenzungen zwischen Zwangsrekrutierung, Generalstreik, Standgericht und Umsiedlung dem prüfenden Historikerblick nicht stand.
 
An der Tragweite jener Tage für das Nationalbewußtsein der unterjochten Luxemburger gibt es keinen Zweifel. Ihre Bedeutung appelliert an unsere Pflicht zur Erinnerung. Das Abhalten feierlicher Zeremonien, die Errichtung von Denkmälern, das Anbringen von Gedenktafeln oder das Einrichten von Gedenkstätten macht aus diesen Eckdaten regelrechte Erinnerungspfeiler. Die Besatzungszeit kann jedoch nicht aus dem europäischen Gesamtkontext herausgerissen werden. Ohne den Nationalsozialismus und seine Folgen zu analysieren, können wir die Komplexität der Ereignisse in Luxemburg zwischen 1940 und 1945 wohl kaum verstehen.
 
Der Zweite Weltkrieg ist ein fester Bestandteil unserer europäischen Identität geworden. Auch mehr als 75 Jahre nach der so genannten Machtergreifung durch die Nazis, 70 Jahre nach dem Scheitern des Weltfriedens im Zuge der Münchener Konferenz, 70 Jahre nach der „Reichskristallnacht” und mehr als 68 Jahre nach der Besetzung der Benelux-Staaten durch die Wehrmacht, sitzt das Trauma noch tief im geschundenen europäischen Bewusstsein.
 
Die Präsenz der Thematik des Zweiten Weltkrieges: Das Gedenken an eine Zerreissprobe
 
Bereits 1945 werden zum ersten Mal Gedenktage zu Ehren der bedeutsamen Ereignisse zelebriert. Heute gibt es zwei gesetzlich geregelte nationale Gedenkfeierlichkeiten, welche von der Regierung im Einklang mit sämtlichen offiziellen Organen, den Verbänden und Freundeskreisen der Zeitzeugen und den Schulen organisiert werden.
 
Die um den 10. Oktober begangene „Journée nationale de la Solidarité Luxembourgeoise” ist sämtlichen Kriegsopfern gewidmet und erinnert in erster Linie an die abgebrochene „Personenstandsaufnahme” von 1941. Die seit 2002 in Luxemburgs Schulen zunächst im Oktober und nun am 27. Januar statt findende „Journée de la Mémoire, de l'Holocauste et de la prévention des crimes contre l'Humanité” erlaubt es den Schülern sich mit der schwierigen Thematik im Hinblick auf die Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu befassen. Andere Gedenktage, wie die „Journée nationale de la Résistance” oder die „Journée Commémorative” der Zwangsrekrutierten werden von privaten Organisationen getragen und gestaltet und von Regierungsseite unterstützt.
 
In Luxemburg trägt fast jede Ortschaft die Brandmale des Krieges. Ob Straßennamen, Namen von öffentlichen Plätzen oder Gedenktafeln und Monumente, sie alle mahnen an unsere Erinnerungspflicht. Erst kürzlich, am 3. Oktober 2008, wurde in Steinsel das „Monument de la Mémoire et de l'Espérance” im Rahmen der diesjährigen „Journée nationale de la Solidarité Luxembourgeoise” eingeweiht. Die Plastik würdigt den Sieg des Menschen über jede Form von Verachtung und Diktatur.  Berufen wir uns auf die Menschenrechtserklärung von 1948, die am 10. Dezember ihr 60-jähriges Bestehen feiert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!”
 
Aktuell gibt es neben mehr als 382 Kriegsdenkmälern, vier so genannte „monuments nationaux”: das Monument National de la Solidarité Luxembourgeoise („Kanounenhiwwel”), das Monument du souvenir („Gëlle Fra”), das Monument National de la Résistance et de la Déportation („Hinzerter Kräiz”) in Luxemburg-Stadt, sowie das Monument National de la Grève générale de 1942 in Wiltz.
 
Doch das Gedenken ist keineswegs einheitlich. Unmittelbar nach Kriegsende bilden sich die ersten Interessenvereinigungen der einzelnen Opfergruppen. Zwischen den Widerständlern („Resistenzler”) und den Zwangsrekrutierten („Enrôlés de Force”) kommt es in den kommenden Jahren besonders hinsichtlich der Entschädigungsdebatte zu einer Entfremdung, die bis heute faktisch weiterbesteht und noch immer eine effiziente Erinnerungsarbeit erschwert.
 
Damit die Erinnerung wach gehalten und über jene Jahre geforscht wird, hat der Gesetzgeber jeder der beiden Gruppen ein offizielles Erinnerungsorgan (Comité directeur pour le souvenir de la Résistance, CDSR, 2000 und Comité directeur pour le souvenir de l'Enrôlement forcé, CDSEF, 2006), sowie ein Forschungs- und Dokumentationszentrum (Centre de Documentation et de Recherche sur la Résistance, CDRR, 2000 und Centre de Documentation et de Recherche sur l'Enrôlement forcé, CDREF, 2006) eingerichtet. Sie sind an das Staatsministerium angegliedert, unterstehen dem Premierminister und arbeiten am Erfassen, Archivieren und Aufarbeiten der Dokumente bezüglich der Kriegsjahre eng zusammen.
 
Viele der Zeitzeugen beginnen bereits 1944/45 mit der Aufzeichnung ihrer Erlebnisse. Bis heute hat die Fülle der Veröffentlichungen im Rahmen der so genannten „Kriegsliteratur” nicht nachgelassen. Die meisten Bücher handeln von Einzelschicksalen. Daneben gibt es auch interessante Monographien und Bildbände. Wissenschaftliche Publikationen, mit Ausnahme einer ganzen Reihe von Essays, Artikeln oder Beiträgen sind eher selten. Es gibt auch keine Debatten über Themen, wie die Kriegsfreiwilligen,  die 14 Luxemburger im Polizeibataillon 101 oder auch noch die Enteignung der Juden in Luxemburg.
 
Die sich erst in ihrer Entstehungsphase befindende Universität hat sich ebenfalls noch nicht auf die Besatzungszeit spezialisiert. Lediglich die Zahl der Abschlussarbeiten junger Historiker mit Themenschwerpunkt „Besatzungszeit” hat in den letzten Jahren zugenommen. In der Lehrerausbildung bietet die Université de Luxembourg seit mehreren Jahren eine Seminarreihe über den Umgang mit diesem Kapitel Zeitgeschichte in Luxemburgs Klassenzimmern an. Hier gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und dem Lütticher Institut Les Territoires de la Mémoire. Seit 2003 sieht die Luxemburger Armee innerhalb der militärischen Ausbildung zwei Studienreisen ins Centre européen du résistant déporté im ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof vor.
 
Der Hauptakzent liegt hier im Bereich der Erziehung zur Bürgerschaft und zum Frieden. In den Schulen ist der Zweite Weltkrieg ein wichtiges Thema. Es ist in den Geschichtscurricula der Grundschule (Primärschule: 5. und 6. Schuljahr) und der Gymnasien (Postprimärer Unterricht: 9. Klasse, sowie 11. oder 12. Klasse der technischen Schulen und 2. und Abiturklasse der klassischen Gymnasien) fest verankert. Aber auch in anderen Unterrichtsfächern (Deutsch, Französisch, Englisch, Philosophie, Theologieunterricht oder Ethik) wird über den Krieg gesprochen. Interdisziplinär ausgerichtete Projekte werden realisiert. Viele Zeitzeugen, wie z.B. Jean Majerus, Robert Loewen, Erny Gillen, Josy Schlang, Maurice Voutey oder Gerd Klestadt, um nur diese zu nennen, begleiten seit Jahren Luxemburgs Schüler und Lehrer bei ihrer Auseinandersetzung mit dem NS-Regime. Dabei  gehört der Gedenkstättenbesuch längst zur Geschichtsdidaktik.
 
Der Umgang mit der Thematik des Zweiten Weltkrieges:
Das “Mémorial de la Déportation”, ein Geschichts- und Erinnerungsort

Die eigentliche Initiative, um im ehemaligen Hollericher Bahnhof in Luxemburg-Stadt eine Gedenkstätte einzurichten, geht auf die Föderation der Zwangsrekrutierten (Fédération des Enrôlés de Force Victimes du Nazisme) zurück. 1979 gibt die Luxemburger Regierung den entscheidenden Impuls, indem sie der Föderation die Räumlichkeiten des Bahnhofgebäudes zur Verfügung stellt. Unter dem Ehrenvorsitz von Großherzog Jean wird ein Organisationskomitee zur Planung des Mémorial gegründet. Die Vereinigung der Zwangsumgesiedelten (Association des Déportés politiques du
Luxembourg) und der Freundeskreis der ehemaligen nach Auschwitz deportierten Juden (Comité Auschwitz) schließen sich dem Gründungskomitee an. Mit Hilfe des wissenschaftlichen Beirates von Dr. Paul Dostert und durch das Mitwirken zahlreicher Partner und Gönner entsteht in den 90er Jahren eine Auswahl von Dokumenten, mit Texten und eigens produzierten Filmbeiträgen.
 
Die Gedenkstätte „Mémorial de la Déportation” wird am 29. Mai 1996 nach fast 20 Jahren Planung eingeweiht. Die Gründer - unter ihnen zahlreiche Zeitzeugen – wollen in erster Linie gegen das Vergessen arbeiten und vor allem die Jugend über die Besatzungszeit und den Nationalsozialismus aufklären. Seit September 2006 ist der Hollericher Bahnhof nun auch offizieller Sitz eines Dokumentations- und Forschungszentrums über die Zwangsrekrutierung der Luxemburger Jugend (CDREF). Künftig geben sich Erinnerungsarbeit und Geschichtswissenschaft hier die Hand.
 
Der Bahnhof Hollerich steht emblematisch für einen Ort unfreiwilliger und tragischer Trennung(en). Er
ist ein Schauplatz völkerrechtswidriger Verbrechen. Von hier aus verschleppen die Deutschen am 18. Oktober 1942, die ersten 2000 Luxemburger Zwangsrekrutierten in Sonderzügen ins Altreich. Insgesamt werden 10211 junge Männer und 3614 junge Frauen so ihrer Jugend beraubt. 2906 sehen ihre Heimat nie wieder. Dies entspricht immerhin 1% der damaligen Gesamtbevölkerung! Für die meisten der 4200 in den Osten des Reiches „Umgesiedelten” beginnt hier ein persönlicher Leidensweg fern der Heimat. Die dritte Opfergruppe ist die der Juden. Von den 1940 in Luxemburg lebenden 4200 Juden überleben 1200 den Holocaust nicht. Ein Teil von ihnen wird in unmittelbarer Nähe des Hollericher Bahnhofs in die Deportationszüge gepfercht.
 
Die historische Authentizität des (Tat)ortes „Bahnhof Hollerich” legitimiert somit seinen Platz im kollektiven Gedächtnis der Luxemburger. In diesem Sinne hegt die Gedenkstätte einen wichtigen Teil unserer nationalen Identität. Das Mémorial enspringt letzten Endes einer großen Solidarität und verkörpert somit in gewisser Weise auch den Zusammenhalt der Luxemburger in jenen finsteren Jahren und in der wichtigen Phase des Wiederaufbaus.
 
Die Gedenkstätte versucht einerseits die geschundene Ehre der Opfer des Unrechtregimes wieder herzustellen und andererseits das nötige Wissen über die am Tatort Hollerich begangenen Verbrechen in erster Linie an die Jugendichen zu übermitteln. In der Ausstellung werden anhand von Abdrucken von Fotos, Plakaten, Zeitungsausschnitten, Briefen und anderen Dokumenten, sowie einer Reihe von Filmbeiträgen die einzelnen Themenschwerpunkte, Judenverfolgung, Zwangsrekrutierung und „Umsiedlung“ in den Kontext der allgemeinen Landesgeschichte während der Besatzungszeit eingebettet.
 
Das “Mémorial de la Déportation” ist ein aussagekräftiger Ort des Lehrens und des Lernens. Eine klar definierte Lehr- oder Lernmethode, um Jugendlichen diese Periode näher zu bringen gibt es nicht. In diesem Sinne ermöglicht es das Mémorial den Schülern, Erziehern und Lehrern über die unterschiedlichsten Wege und Methoden zur Annäherung an die Thematik nachzudenken. Der Ort bietet ein ideales Umfeld, um möglichst sachlich vorzugehen. Nicht als eine bloße Dokumentation des Leidens, versteht sich die Ausstellung als Ausgangspunkt einer aktiven Pädagogik, die es versucht die Besucher dazu zu bewegen sich Fragen zu stellen. Die Trennungslinie zwischen Geschichte und Erinnerung ist deutlich erkennbar.
 
Gute Erinnerungsarbeit sollte nicht versuchen Gefühle bewußt zu provozieren und zu steuern. Trauer und Ergriffenheit sind Teil unserer Intimsphäre. Während des Gedenkstättenbesuchs sollte man „Emotionen zulassen, nicht jedoch emotionalisieren”. Drei gefährliche Sackgassen werden auf diese Weise gemieden. Erstens: der Besuch wird nicht zum seelenlosen, automatisierten Ritual und somit zur inhaltslosen Verpackung. Zweitens: der Trugschluss wird gebannt, diese Art der Begegnung mit der Geschichte sei ausreichend und ein sicherer Impfstoff gegen jegliche Form von politischem Extremismus und sozialer Ausgrenzung. Drittens: ein Versuch sich mit den Opfern des Nationalsozialismus zu identifizieren und ihre Leiden nachzuempfinden, d.h. „Betroffenheitspädagogik” werden umgangen.
 
Gute Erinnerungsarbeit hängt auch von der Einstellung fachlich gut vorbereiteter Pädagogen oder Begleitpersonen ab. Durch gewählte Projektarbeiten oder Workshops gelingt es ihnen junge Menschen auf das an diesem Ort wahrhaftig erfahrene Leid zu sensibilisieren und über den „Geist der Enge und Gewalt, der Überheblichkeit, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos Konsequenten” des NS-Regimes nachzudenken.  Als Sinnbild für Toleranz, Solidarität und Freiheit tritt das Mémorial für den Erhalt der demokratischen Grundwerte in der Gesellschaft ein.
 
Ein Bahnhof ist ein Ort der Begegnung(en). Oft kommen hier Zeitzeugen mit Jugendlichen ins Gespräch. Durch diese menschliche Nähe rückt das Einzelschicksal in das interessierte Blickfeld der jungen Leute. In ihren Köpfen wird die Verstrickung dieser „kleinen Geschichte” mit der „großen Geschichte” greifbar. Sie werden ebenfalls konfrontiert mit der Subjektivität des Erlebnisberichtes einerseits, mit der kritischen Infragestellung der Erzählung andererseits. Der Jugendliche wird dazu gebracht sich selbstständig zu seiner eigenen Erfahrung, in diesem Falle der Zeitzeugenbefragung, zu äussern. So entsteht ein aufschlußreicher Dialog zwischen den Generationen an einem geschichtlich belasteten Ort.
 
Ab 2009 stehen den Schulen des Sekundarunterrichtes zwei neue Konzepte zur Verfügung. Ausgehend von der ursprünglichen Bestimmung des Bahnhofs, kann der Lehr- und Lernort Hollerich als Ausgangs- und Ankunftspunkt eines Pädagogischen Projektes genutzt werden. Das Klassenzimmer kann also in die Gedenkstätte verlegt werden. Darüberhinaus wird das CDREF auch gezielt eigene Workshops im Rahmen von so genannten matinées pédagogiques anbieten, bei welchen es den Verantwortlichen darauf ankommt, aus den jungen Besuchern „Erinnerungs- und Geschichtsträger” zu machen, was auch im Sinne einer guten Erziehung zur Staatsbürgerschaft ist.
 
In den Zielsetzungen der pädagogischen Arbeit zu den Gedenkstätten KZ Osthofen und SS-Sonderlager/KZ Hinzert heisst es: „Zum anderen bietet gerade das historisch-politische Lernen an den authentischen Orten der Unmenschlichkeit der Naziherrschaft ganz besondere Möglichkeiten zur politischen Bildung insbesondere – aber nicht nur – junger Menschen.” Das Beispiel des Mémorial de la Déportation bekräftigt diese Aussage.

Schlußbetrachtungen
Im Zuge der Globalisierung scheinen wir heute erneut auf der Suche nach unseren Wurzeln zu sein. Da unser Umfeld jedoch komplexer und multikultureller geworden ist, wird sich auch das kollektive Gedächtnis umorientieren müssen, nach den Bedürfnissen der einzelnen gesellschaftlichen Teilgruppen. Es splittert sich folglich auf und wird mehrschichtig, ohne dabei automatisch auseinanderzufallen. Dort wo sonst das kollektive Gedächtnis von einem Konsens ausgegangen ist, schätzen wir heutzutage die Vielfältigkeit unserer Mitmenschen.
 
Bei den Denkmälern mit Bezug auf die Geschichte und insbesondere auf die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges darf es nicht beim bloßen „An-Jemanden-Oder-An-Etwas-Denken” bleiben. Das „Ge-Denken” beinhaltet Ehrfurcht und Ergriffenheit im Angesicht des visierten Objektes. Darüberhinaus spornt es die Angesprochenen dazu an, über dieses „Nach-Zu-Denken”. Ein Denkmal ist auch ein Mahnmal. Dank dieser Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart gelingt es uns die Zeugnisse vergangener Zeiten zu entschlüsseln und an die kommenden Generationen weiter zu reichen.
 
Das Gedenken an bestimmte Ereignisse oder Personen zu bestimmten Anlässen oder an bestimmten Orten hat folglich drei Dimensionen:
  • • ein Moment des Innehaltens, des Rückblicks: wir entdecken die Vergangenheit
• ein Raum des Nachdenkens, des Einblicks: wir versuchen die Vergangenheit zu verstehen
• ein Ort der Zusammenkunft und des Dialogs, des Ausblicks: wir reichen unsere Erkenntnisse an künftige Generationen weiter
Es sind die Postulate an jedes Mitglied der Gesellschaft, an jeden Bürger, mit der Vergangenheit verantwortungsvoll um zu gehen. Es kommt dabei auf seinen persönlichen Umgang mit der Geschichte an! Hier spielt der Historiker eine wichige Rolle. Erinnerungsarbeit ist ohne die objektive Analyse des Historikers nicht möglich. Der Wissenschaftler untersucht die Ereignisse der Vergangenheit auf Grund von Quellen. Seine Aufgabe ist es Zusammenhänge zu sehen und Schlußfolgerungen zu ziehen. Aus diesem Grunde begegnet er der Erinnerung nicht fremd, aber kritisch und mit der nötigen wissenschaftlichen Distanz.
 
Nur so ist das Vermächtnis unserer Vorfahren gesichert. Es geht darum den Aufstieg und die Niederlage des NS-Terrorapparates zu begreifen und das somit gewonnene Wissen in der Gegenwart anzuwenden. Dies erlaubt es uns heute die „negative Kreativität“ im Menschen zu erfassen: man sieht, wozu Menschen fähig sind. Der Nationalsozialismus entfaltete sich in einer vom Fortschritt geprägten Gesellschaft. Der menschliche Verstand und ein unmoralischer Machtwille hatten ihn hervorgebracht. Krieg und Vernichtung waren (und bleiben) nur durch den Fortschritt bedingt möglich. Doch der menschliche Verstand und der Freiheitswille setzten (und setzen) sich letzten Endes gegen den zerstörerischen und rassistischen „Gleichschaltungswahn” brutaler Machthaber durch.
 
Die Zukunft liegt in unseren Händen. Sie gehört vor allem den Jugendlichen als Multplikatoren eines mehrschichtigen kollektiven Gedächtnisses und Hütern von Toleranz und Demokratie. Aus diesem Grunde sollten die Worte, die der ehemalige Luxemburger Zwangsrekrutierte Abbé André Heiderscheid in seinem Buch „Nie wieder- Als Pilger in Hinzert, Natzweiler-Struthof und Dachau” niedergeschrieben hat, für uns alle bindend sein: “... im Europa und in der Welt von morgen muss es genügend Wächter geben, die wissen was gegebenfalls im Menschen ist, und die mit allen Mitteln dem Bösen schon in den Anfängen wehren, damit sich nicht wiederholen kann, was sich nicht wiederholen darf.”