Impressionen aus der Tagung

Foto workshop 3

Rene Weber, Centre International d´Initiation aux Droits de l´Homme

Chemin de la Mémoire et des Droits de l’Homme

Weg der Erinnerung und der MenschenrechteOst-West
 

Ist das ein Mensch?

 

Ihr, die ihr gesichert lebet

In behaglicher Wohnung;

Ihr, die ihr abends beim Heimkehren

Warme Speise findet und vertraute Gesichter:

            Denket, ob dies ein Mann sei,

Der schuftet im Schlamm,

Der Frieden nicht kennt,

Der kämpft um ein halbes Brot,

Der stirbt auf ein ja oder Nein.

Denket, ob dies eine Frau sei,

Die kein Haar mehr hat und keinen Namen,

Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat,

Leer die Augen und kalt ihr Schoß

Wie im Winter die Kröte.

Denket, dass solches gewesen.

Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.

Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet

In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,

Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht;

Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.

            Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,

            Krankheit soll euch niederringen,

            Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.

 

                                                                                  Primo Levi

 

Der Ursprung des Weges der Erinnerung war die Idee von Mon­sieur Gé­rard Hazémann, damals Bürgermeister der Gemeinde Le Hohwald in den Vogesen, als die Hauptstraße des Ortes erneuert werden musste.

An dieser Straße wollte er für Haïdi Hautval, eine Ärztin aus der Gemeinde, ein Denkmal setzen. Madame Hautval wurde von den Nazis inhaftiert, da sie sich für Juden einsetzte. Sie überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück mit Hilfe von Mit­häftlingen, die sie verehrten, da sie sogar dem berüchtigten KZ-Arzt Mengele widerstand.

Mit Hilfe von Sponsoren wurde ein Brunnen errichtet. Hans Adamo, ein bekannter Antifaschist, der in den Vogesen lebte und Führungen im KZ Natzweiler Struthof machte, stellte die Verbin­dung zu Frau Helga Schmidt, einer Pädagogin aus Kehl her. Ge­meinsam entstand die Idee des Chemin de la Memoire. Die Fe­derführung übernahm dann CIDH, eine Menschenrechtsorganisa­tion in Sélestat.

Dieser Weg erinnert an Stätten im Elsaß, an denen die Besatzer grauenvolle Untaten begingen. Er beginnt in Schirmeck am neuen Museum Memorial Alsace-Moselle, führt über das Centre Euro­péen du Resistant Deporté, das an das KZ Natzweiler-Struthof erinnert, geht über Le Hohwald bis Ste Marie aux Mines weiter nach Strasbourg bis Kehl. Auf deutscher Seite ist auch das Frei­heitsmuseum in Rastatt mit einer Tafel an dem Weg beteiligt.

Hans Adamo, ein Deutscher, der lange in den Vogesen lebte, starb vor einiger Zeit. Sein Wunsch war, dass dieser Weg auf deut­scher Seite weiter geführt wird.

 

Dies wurde zum einen durch eine Gedenktafel auf deutscher Seite an der Europabrücke in Kehl realisiert, zum anderen durch Einbezie­hung des Freiheitsmuseums in Rastatt.

Auf französischer Seite wird an einer Fortführung ins Oberelsaß bis zur Schweizer Grenze gearbeitet. Die nächste Station wird am 2. Oktober 2008 in St. Marie aus Mines, einem Kommando von Natzweiler, eingeweiht.

Erinnerungsstätten gibt es auf deutscher Seite sehr viele. Was könnte bei diesem Weg Neues bewegt werden, warum wäre die Weiterführung des Weges mit entsprechenden Hinweistafeln an diese Gedenkorte wich­tig?

 

Erinnerung:

Zunächst sind wir den Verfolgten und Ermordeten des Nazi-Re­gimes die Erinnerung einfach schuldig. Sie sollen nicht umsonst gelitten, sich gefürchtet haben, vertrieben oder ermordet worden sein.

 

Schuld und Sühne:

Bislang ging es um Anerkennung von Schuld, um Sühne, Ge­rechtig­keit und Wiedergutmachung, so weit dies politisch durch­setzbar war.

Was bei der Kriegsgeneration noch an Zurückhaltung üblich war und bei der Fol­gegeneration teilweise zu Brüchen mit dieser geführt hat, reicht heute nicht mehr aus.

Die dritte Generation möchte und kann mit der Schuldfrage nicht belastet werden, da natürlicherweise eine persönliche Schuld nicht vorhanden ist.

Dazu kommt, dass unsere Migrantenkinder mit einer ganz ande­ren Geschichte zu uns kommen, die oft genug auch sehr proble­matisch ist.

Gemeinsam werden diese Jugendlichen, Deutsche wie Zugewan­derte, auf dem Territorium erwachsen, von dem der furchtbarste Krieg der Menschheitsgeschichte und unvergleichliche Verbre­chen aus gingen.

Daher sollten sie die Geschichte kennen lernen und zwar nicht nur allgemein, sondern „vor Ort“, d.h. in der Region, in der sie leben.

Wichtig dabei ist, dass nicht nur die Verfolgten aller Kategorien be­achtet werden, sondern auch die Täter.

Bislang wird es meistens so gesehen, dass die Täter anschei­nend weit weg waren, in Berlin, im besetzen Gebiet usw., dabei kamen sie oft aus der eigenen Gemeinde.

 

Täterforschung:

Zwischenzeitlich gibt es eine umfangreiche Täterforschung.

Was macht den Einzelnen zum Täter, zum Mitläufer,

zum Widerstand leistenden?

Wozu kann der alltägliche Rassismus führen?

Was bedeutet „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“?

 

Zeitzeugen,

die bei der Vermittlung von Erinnerung und Wissen von unmittel­barer Bedeutung sind und waren, werden bald nicht mehr zur Verfügung stehen. Oft waren dies Menschen, deren Schicksal Jugendliche sehr berührt hat.

 

Unsere Aufgabe:

Diese Arbeit fort zu setzen, haben sich Menschen aus der Folge­gene­ration zum Ziel gesetzt, ohne die Zeitzeugen jedoch ersetzen zu können. Daher müssen andere Konzepte entwickelt werden.

In Frankreich übernehmen das z.B. die Organisationen der AFMD (Amis de la Fondation pour la Mémoire de la Déportation), die in jedem Departement vorhanden sind. Sie besuchen Schulen, ma­chen Führungen in Konzentrationslagern oder anderen Erinne­rungsstätten.

 

Was sollte in neuen pädagogischen Konzepten enthalten sein?

Bezug zur jetzigen Situation z.B.
Fremdenfeindlichkeit – Antisemitismus – Gewalt –
  • Ursachen der Gewalt –
  • Unduldsamkeit gegen Andersdenkende, Menschen ande­rer Herkunft, Sprache, Religion oder Geschlechts
  • Soziale Frage – Arbeitslosigkeit – Gerechtigkeit und Fair­nis
  • Bildungschancen
  • Was macht den Menschen zum Täter?
  • Was bewegt ihn, sich Unrecht zu widersetzen?
  • Die Bedeutung der „Allgemeinen Erklärung der Men-schen­rechte“ als Ziel staatlichen Handelns
  • Historisches Wissen
  • Entwicklung der Demokratie und der Menschenrechte
  • Was führte zum Faschismus?
  • Ziele einer humanen Zivilisation
  • Durchsetzung der allgemeinen Menschenrechte
  • Wie sollte eine Zivilgesellschaft aussehen, in der gruppen­bezogene Menschenfeindlichkeit nicht mehr möglich ist?

 

Das sind Themen, die im Schulunterricht und in der Gedenkarbeit eine Rolle spielen sollten.